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Newsletter Nr. 1/2017 (April 2017)

Sehr geehrte Theaterinteressierte,

je jünger Kinder sind, umso leichter ist es, sie das Theater-Machen als kulturelle Bildung als einen wichtigen Teil ihres Lebens erleben und kennen lernen zu lassen, so dass sie es dauerhaft schätzen lernen. 

Damit erhöhen sich die Chancen, dass sie dauerhaft kulturelle Bildung als wichtig für eine friedliche Gesellschaft erachten, in der Meinungs-, Interessen- und Kulturunterschiede auch im künstlerischen Diskurs verhandelt werden.

Angewandte Theaterforschung (AT) hat in einem kleinen Feldversuch Erfahrungen zusammengetragen, die zeigen können, auf welche Weise Kinder in einer Grundschule mit einfachen Mitteln, Techniken und Methoden das Theater-Machen im Regelunterricht kennen lernen können.

In der Fach-Literatur zeigen sich zwei grundlegend unterschiedliche Herangehensweisen, Kinder im Kita- bzw. Grundschul-Alter an das Theater-Spielen bzw. das Theater-Machen heranzuführen.

Die eine Richtung versucht eher, Kinder zum Theater-Spielen anzuleiten. Sie favorisiert eine entsprechende Arbeitsweise, die sich eher an traditionellem professionellen Literatur-Theater mit dem Anspruch eines gewissen Realismus orientiert.
Demzufolge wird meist von einem Dramentext ausgegangen, teilweise auch einer Geschichte, und diese wird von der Lehrkraft in einen Dramentext umgeschrieben.
Die Schüler übernehmen die entsprechenden Rollen, meist mit vorgegebenem Text. Masken, Kostüme, Kulissen orientieren sich ebenfalls an professionellen Mustern und werden überwiegend von den beteiligten Erwachsenen nach ihren Vorstellstellungen von Theater vorgegeben und meist auch gefertigt und letztlich manchmal regelrecht übergestülpt. Die Lehrkraft spielt eher einen dominanten Regisseur, der vieles vorgibt und wenig Verantwortung abgibt. Das Projektergebnis zielt auf die "große Aufführung", meist mehrfach gespielt, weil so viel Arbeit darin stecke.

Die andere Richtung, Kinder für das Theater-Machen zu begeistern, setzt mehr bei den Bedürfnissen, Kompetenzen und den Möglichkeiten zur Potenzialentfaltung der Kinder an und gibt ihnen mehr Raum, eigene Fantasien zu entwickeln und selbstbestimmter einen Gestaltungsraum für theatrale Kunst zu füllen. Die Lehrkraft ist eher Impulsgeber, Berater und Begleiter. 
Das Projektergebnis zielt nicht primär auf die "große Aufführung", sondern auf ein behutsames Heranführen und Verwickeln der Kinder in ästhetische Prozesse. Dabei kann es zu eher kleineren Work-in-Progress-Präsentationen vor Gleichaltrigen, einer Parallelklasse oder einer Präsentation in ähnlich kleinem Rahmen kommen.

Allein in dieser Bestandsaufnahme zeigt sich: Auf die Lehrkraft kommt es an! Ihre entsprechende Kompetenz und ihre theatral-künstlerische Qualifizierung sind eine Voraussetzung dafür, dass sie nicht manchmal unkritisch und stereotyp nur eine Form des Theaterspielens mit Kindern tradiert, die sich eher an traditionellem Realismus eines "Erwachsenentheaters" orientiert.

Brennpunkt dieser eingeschränkten Tradition ist der Versuch, schon die Allerkleinsten "Theaterspielen" zu lassen, wobei sie in diesem Alter noch eher distanzlos und selbstvergessen spielen. Dass Menschen als "Publikum" den Kindern bei ihrem Spielen zuschauen, macht die Rahmung noch nicht zu Theater. -

Die Dokumentation eines Theater-Projektes in der Grundschule erscheint als Anregung zum Nachmachen bei AT in Buchform. Eine Reportage des Prozesses beschreibt die Widerstände und Stolpersteine, ein Film zeigt das Arbeitsergebnis, die Aufführung und ein Tutorial vermittelt einen Blick ins Buch und erläutert die lerntheoretischen Zusammenhänge. In einem Interview erzählt die beteiligte Lehrerin, wie sie das Projekt erlebt und reflektiert hat. -

Die Website von AT wurde inzwischen grundlegend überarbeitet, sodass man in der wachsenden Menge des Materials einfacher und zielsicherer navigieren kann.

Herzlich Willkommen!

Ihr Volker List


Bücher Bücher Bücher


Praxis


List, Volker (2017): Theater und Darstellendes Spiel in der Praxis - Band 1 Erzähltheater

Wie aus (fast) nichts Theater wird.
Die Projektbeschreibung zeigt, wie alle Schüler einer Grundschulklasse im Regelunterricht Theater spielen können.
Die Arbeitsweise und die einzelnen Schritte bis hin zu den Übungen werden genau beschrieben. Dabei lädt die Darstellung zum Nachmachen ein und lässt gleichzeitig viel Raum, eigene Ideen einzubringen.

> Blick ins Buch und Bestellung hier >

TUTORIAL zum Buch "Theater und Darstellendes Spiel in der Praxis - Band 1 Erzähltheater"

Der Autor vermittelt einen Einblick ins Buch und erläutert, wie es aufgebaut ist. Er beschreibt u.a. auch die Hintergründe seines Verständnisses des Theater-Machens als kulturelle Bildung.

> Zum Tutorial >

Theater in der Grundschule – Wie aus (fast) nichts Theater wird – REPORTAGE

Angewandte Theaterforschung (AT) untersucht Möglichkeiten, mit Kindern in der Grundschule Theater zu spielen – ein praktischer Versuch und Recherche für eine Langzeitstudie zur Frage:

Welches Konzept einer Didaktik des Theaters ist geeignet, allen Kindern in der Grundschule die Möglichkeit zu geben, im Unterricht die Kunstform Theater kennen zu lernen, theatrale Erfahrungen zu machen, zu reflektieren und kulturelle Kompetenzen zu erwerben?

> Nachlesen >

Theater und Darstellendes Spiel in der Praxis – Grundschule – Erzähltheater [FILM DER AUFFÜHRUNG]

Der 10-Minuten-Film zeigt die Aufführung einer vierten Grundschulklasse, die im normalen Unterricht mit allen Schülerinnen und Schülern erarbeitet wurde.

> Anschauen >

Kliche, Jule: Theater in der Grundschule [INTERVIEW]

Jule Kliche erzählt von ihren Erfahrungen, die Kunst Theater zu lehren zu erlernen. Volker List begleitet sie als Coach bei dem Projekt "Erzähltheater".

> Interview anschauen >

Neuauflage
 
List, Volker (2017): Theaterübungen CD-ROM


Aufgrund der unverändert hohen Nachfrage nach der CD Theaterübungen mit über 600 Übungsbeschreibungen gibt es jetzt eine leicht überarbeitete Neuauflage.

> Bestellung hier >

Weidemann, Gisela (Hg) (2010): Jetzt machen wir Theater! Troisdorf: Bildungsverlag EINS. 137 Seiten – Rezension

Können Kinder im Alter von zwei bis drei Jahren schon Theaterspielen? Ja, aber, beantworten die Autoren diese Frage, die Arbeit ziele nicht auf ein vorführbares Ergebnis. Vielmehr sei der Weg das Ziel. (9, 27)

Kulturelle Bildung at its best.

Mit dieser klaren Dramaturgie einer Theaterstunde bzw. des Theater-Machens erleben die Kinder ihre Arbeit als eine Künstlerische, in der sie von Anfang an in ästhetische Prozesse verwickelt werden und diese vielfach mitgestalten können. Sie werden nicht zur Objekten einer Inszenierungsabsicht einer vermeintlichen Regisseurin gemacht, die sie im Wesentlichen auf schauspielerische Darstellung reduziert. Sie werden vielmehr spielerisch durch angemessene und altersgemäße überwiegend sehr offene Impulse gelockt, mehr und mehr Ihre künstlerische Gestaltungskompetenz und damit sich zu gestalterischen Subjekten ästhetischer Prozesse zu entwickeln.

Hinführung zum Theater-Machen als Kulturelle Bildung mit den ganz  Kleinen at its very best.

Vortisch, Stephanie (2017): Bild-Aktions-Karten. Konzentration und Achtsamkeit. 32 Aktionsimpulse mit Booklet für die Praxis – Rezension

Die Autorin gibt mit den vorgelegten Bild-Aktions-Karten ein überzeugende Antwort auf die Frage: Wie werden die Voraussetzungen für das Theaterspielen bei kleinen Kindern hergestellt: Achtsamkeit, Ruhe und Konzentration?
 > Mehr darüber lesen >

Bundeszentrale für politische Bildung (Hg)(2011): Theater probieren. Politik entdecken. Bonn. 262 Seiten – Rezension

Die Bundeszentrale für politische Bildung legt einen Reader zum Theatermachen vor (neun Bausteine), mit dem gezeigt werden soll, dass es sich lohnt, „das Medium Theater für eine handlungsorientierte politische Bildung zu nutzen, die den mündigen Bürger als Ziel hat.“ (6) Im Rollenspiel könne die Perspektive eines anderen eingenommen und routinierte (Ein-)ordnungen unterbrochen werden, so der Präsident der BpB, Thomas Krüger, in seinem Vorwort.

Der im Editorial von drei Autoren Hruschka, Post und Wartemann benannte Glaube, dass das Theater „direkter Motor“ von Veränderungen gesellschaftlicher Systeme sein könne, habe heute keine Bedeutung mehr. Binde man das Politische aber nicht an solche konkreten Wirkungen, dann habe das Theater gerade in einer Kultur, die von massenmedialer Kommunikation dominiert werde, „ein eminent politisches Potential. Als Ort der Geschichten, der Emotionen und der Phantasie wird es zum ‚Rastplatz politischer Reflexion’ (Oskar Negt), an dem man innehalten kann, um neue Blickwinkel zu gewinnen, Fragen zu stellen, Sehnsüchte und Hoffnungen zu entdecken, die sich auch auf eine Veränderung bestehender Verhältnisse beziehen können.“ (9)

In besonderer Weise sind die drei Unterrichts-Bausteine der Autorin Doris Post hervorzuheben, die es versteht "politische" Themen in konkrete und sorgfältig ausgearbeitete Unterrichtsanregungen für das Fach "Darstellendes Spiel" zu präsentieren. Die Schüler erwerben Schritt für Schritt in der Auseinandersetzung mit den jeweiligen Themen Theaterkompetenzen, die es ihnen erlauben, die politische Dimension des Themas in eine sinnlich-ästhetische Qualität zu fassen. Diese drei Bausteine Posts sind in Bezug auf die Kreation  theatraler Lernsettings für Theater-Unterricht herausragend und es zeigt sich, eine jahrzehntelange sorgfältig reflektierte und theoretisch abgesicherte Praxis-Erfahrung als Theater-Lehrkraft ist durch nichts zu ersetzen.

> Sich inspirieren lassen >

Theorie


Rancière, Jacques (2009): Der unwissende Lehrmeister. Fünf Lektionen über die intellektuelle Emanzipation. Wien: Passagen Verlag. Seiten 168 – Rezension

Der französische Philosoph Rancière greift Joseph Jacotots Anfang des 19. Jahrhunderts aufgestellte These auf, dass ein Unwissender einen anderen Unwissenden lehren könne, was er selbst nicht wisse, denn alle Menschen besäßen die gleiche Intelligenz (29).

Jacotots stellt die grundlegende Überzeugung in Frage, ob nicht eine klassische „pädagogische“ Lehrmeister-Schüler-Konstellation, in der der Lehrer dem Schüler Wissen vermittle und Sachverhalte erkläre, das Lernen eher verhindere als befördere.

Rancière ist der Überzeugung, dass alle gewissenhaften Professoren auf diese ineffektive Weise lehrten (13) und erklärt dem Leser diesen „Mythos der Pädagogik“ der zwangsläufig zur Verdummung führe (17).

> Wie kann Rancières Anregung gewinnbringend für Theater-Pädagogik und -Unterricht genutzt werden? >

Rancière, Jacques (2015; Originalausgabe 2008): Der emanzipierte Zuschauer. Herausgegeben von Peter Engelmann. Aus dem Französischen von Richard Steurer. Wien: Passagen Verlag. 158 Seiten > Rezension

Der Zuschauer müsse in den magischen Kreis der theatralen Handlung eingeführt werden, „wo die Anwesenden etwas lernen, anstatt von Bildern verführt zu werden, wo sie zu aktiven Teilnehmenden werden, anstatt passive Voyeurs zu sein.“ (14)

Ausgehend von der Gegenüberstellung einer distanzierenden Haltung des Zuschauers, wie sie Brecht in seinem epischen Theaterkonzept forderte (nicht so bei seinen Lehrstücken!) und Artauds Theater der Grausamkeit verweist Rancière auf Platons „choreografische Gemeinschaft, […] wo niemand ein unbewegter Zuschauer bleibt, wo jeder sich im gemeinschaftlichen Rhythmus bewegen muss.“ (15) Theater werde so zu einer „exemplarischen Gemeinschaftsform“, einer „Gemeinschaft als Selbstgegenwart, im Gegensatz zur Distanz der Repräsentation.“ (16)

Das Theaterkollektiv „Fräulein Wunder AG“ hat scheinbar oder offensichtlich diese Form eines Konzeptes eines (vor)politischen Theaters in z.B. in ihrem Stück „Auf den Spuren von – Eine Reise durch die europäische Migrationsgeschichte“ (2010) > http://fraeuleinwunderag.net/?page_id=1427&lang=de) als ‚handelndes Theater’ modellhaft umgesetzt, in der die Haltung des Zuschauens aller Anwesenden eine neue Qualität erreicht und sich nicht in anti-emanzipativer Passivität erschöpft, sondern einer geschickten Dramaturgie einer spannenden pädagogisch durchdachten Lernprozesskonstruktion folgend alle in höchst gemeinschaftsbildende Aktionen, Handlungen, Rituale führt, in der das Individuum nicht aufgelöst wird und verschwindet, sondern sich in einer respektvollen Weise aufgehoben fühlen kann.

> Nachlesen >

Fopp, David (2016): Menschlichkeit als ästhetische, pädagogische und politische Idee: Philosophisch-praktische Untersuchungen zum »applied theatre«. Bielfeld: transcript. 416 Seiten > Rezension

Fopp schlägt in seinem Werk eine Brücke zwischen scheinbar Ungesellschaftlichem wie Schauspiel, Regiemethoden und Theater/ Darstellendes Spiel als Unterrichtsfach in der Schule auf der einen Seite und scheinbar Abstraktem wie Demokratie, Politik und Ökonomie auf der anderen Seite, indem er Menschen als soziale Wesen mit Körperlichkeit und Phantasie in den Fokus der Betrachtung stellt.

Dabei zeigen sich – so Fopp – (Schauspiel-)Räume als Aus- und Einbruchsorte eines menschlichen Geistes, dessen Entfaltung eine radikale gesellschaftliche Transformation erfordert, diese aber auch selbst konkret vorzeichnet.

Fopp ist vermutlich der einzige Autor der sich die Mühe gemacht hat, die aktuellen Lehrbücher für das Fach „Darstellendes Spiel“ und Theater-Unterricht im internationalen Vergleich zu untersuchen, und er kommt zu überraschenden Ergebnissen.

> Lesen >

Fortbildung


2017/ 09 Improvisation ist das halbe Leben
Leitung: Volker List

Zwei lustvolle Tage führen in die Geheimnisse des Improvisierens. Sie erleben das Improvisieren als Methode im Theaterspiel auf vielfältige Weise und spüren seine befreiende Wirkung im eigenen Verhalten.

Professionell Theater Lehrende und Theaterpädagogen lernen, das Improvisieren in ihrem Theater-Unterricht anzuleiten.

Grundlage: List, Volker (2012): Kursbuch Impro-Theater. Stuttgart: Klett

Termin: 09./ 10.09.2017

Ort: aisthetos akademie Neuwied > www.aisthetos-akademie.de/add-on-workshops/

Anmeldung > info@aisthetos-akademie.de
Wenn Sie diese E-Mail (an: unknown@noemail.com) nicht mehr empfangen möchten, können Sie diese hier abbestellen.

Angewandte Theaterforschung
Volker List
Lärchenweg 7
35625 Hüttenberg
Deutschland


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